10
April
2018

Leichte Sprache – wieso eigentlich?

Können Sie den Satz im blauen Feld lesen? Nein? So ähnlich geht es prälingual hörgeschädigten Menschen, wenn sie Texte lesen wollen.

Prälingual hörgeschädigte Menschen haben – im Gegensatz zu Menschen mit anderen Hörschädigungen – bereits vor dem Spracherwerb ihr Hörvermögen verloren. Deshalb fehlt ihnen jegliches Lautbild. Sie werden feststellen, dass Sie sich gerade jeden Satz in diesem Text in Ihrem Kopf laut vorlesen. Ohne Lautbild funktioniert das nicht. Genauso wie Sie den obigen Satz nicht lesen können, da er nur aus Konsonanten besteht und Sie dazu beim Vorlesen im Kopf kein Lautbild formen können, sind standardsprachliche Texte für prälingual hörgeschädigte Menschen oft nur Buchstabensalat.

Doch nicht nur (prälingual) hörgeschädigte Menschen haben auf verschiedenste Arten Probleme mit der Sprachverarbeitung. Auch Menschen mit funktionalem Analphabetismus oder mit geistigen Behinderungen haben häufig Probleme damit, Texte zu lesen und zu verstehen. Der Grund dafür sind komplexe Sätze, vollgepackt mit schwieriger Grammatik und elendig langen (Fach-)Begriffen.

Denken Sie nur mal an Ihre Steuererklärung oder vielleicht an ein Schreiben Ihrer Versicherung, dann wissen Sie, was ich meine. Je länger ein Wort ist, desto schwieriger ist es zu verstehen. Hat ein Mensch ein sehr geringes Lesetempo, kann er zu lange Wörter nämlich kognitiv nicht erfassen. Kurz: Wenn der Leser am Ende des Wortes angekommen ist, hat sein Gehirn den Anfang schon wieder vergessen. Gleiches gilt für lange und komplexe Sätze. Wir alle haben uns schon mal in einem stark verschachtelten Satz verloren und mussten wieder von vorne anfangen. Jetzt stellen Sie sich das einmal bei jedem einzelnen Satz in jedem Text vor, den Sie zu lesen versuchen. Klingt anstrengend? Ist es auch.

KEINE FRAGE DER FAULHEIT

Menschen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind, sind nicht faul. Sie sind auch nicht zwingend in ihrer Intelligenz eingeschränkt. Sie haben schlichtweg aus den unterschiedlichsten Gründen Schwierigkeiten mit der Sprachverarbeitung. Dadurch sind sie in unserer schriftsprachbasierten Gesellschaft aussen vor. Egal wie sehr sie sich anstrengen, manche Menschen werden nie an ein Standard-Sprachniveau heranreichen. Diese Menschen können wir nicht einfach links liegen lassen. Auch sie haben ein Recht auf politische und gesellschaftliche Teilhabe. Doch dafür müssen wir es ihnen ermöglichen, sich eigenständig zu allen für sie relevante Themen zu informieren. Dafür braucht es Informationen in Leichter Sprache.

Leichte Sprache eliminiert all die Dinge, die Sprache schwer verständlich machen. Es gibt verschiedene Regelwerke, die sich mit Leichter Sprache befassen. Die wissenschaftlich geprüften Regeln der Forschungsstelle Leichte Sprache geben Übersetzern hierbei konkrete Handlungsanweisungen, wie sie effiziente, leicht verständliche Texte schreiben können.

Letztlich profitieren alle Leser von verständlich aufbereiteten Informationen. Wie viel Zeit würden wir sparen, wenn wir Texte immer gleich im ersten Anlauf verstehen würden? Wie viel Geld geht Unternehmen unnötig verloren, weil deren Kunden sie nicht verstehen?

Von Bedienungsanleitungen über Nachrichten bis hin zu den klassischen Behördeninformationen: Wir können es uns nicht länger leisten, nicht verstanden zu werden.

INFO
Dieser Text ist der erste in einer Reihe von Blogbeiträgen zum Thema Leichte Sprache. In dieser Rubrik möchten wir Ihnen einen Einblick in unsere Arbeit geben und Ihnen vereinfachte Sprache näherbringen. Was ist Leichte Sprache? Wie grenzt sie sich von anderen vereinfachten Sprachvarietäten ab? Wer profitiert davon und welche Rolle spielt simple·text dabei? Das und vieles mehr erfahren Sie hier bei uns.

Die Autorin
Laura Heidrich studierte Internationale Kommunikation und Übersetzen sowie Medientext und Medienübersetzung an der Universität in Hildesheim. Im Master-Studium spezialisierte sie sich auf Barrierefreie Kommunikation. Parallel dazu begann sie, für die Forschungsstelle Leichte Sprache in Hildesheim zu arbeiten. Dort übernahm sie unter anderem die Leitung für die Bereiche Nachrichten und Justiz und betreute im Zuge dessen das Nachrichtenprojekt „Norddeutsche Nachrichten in Leichter Sprache“ in Kooperation mit dem NDR. Darüber hinaus hielt sie deutschlandweit Workshops und Schulungen zum Thema Leichte Sprache. Seit Mai 2017 ist sie als freiberufliche Übersetzerin und Lektorin tätig. Sie ist Kooperationspartnerin der simple·text GmbH.

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